Mit 86 Jahren: sich im Alter einen Traum zu erfüllen

Ilse Pohl
Ilse Pohl ©NXDRF

Einer der wichtigsten Impulse für meine Aufmerksamkeit gegenüber den Erinnerungen und Erzählungen älterer Menschen war zweifelsohne Ilse Pohl. Ich war ihr begegnet, als sie 93 Jahre alt war. Sie hatte etwas unfassbares geleistet: Sie war 86 Jahre alt, als sie beschloss, im Alter einen Traum zu erfüllen, ihr Leben noch einmal völlig neu anzugehen. Sie erinnerte sich an den starken Wunsch ihrer Jugendjahre und wurde Schriftstellerin. Ich habe bei kaum jemand mehr Erneuerungsdrang beobachtet wie bei dieser alten Dame. Ilse Pohl wurde 104 Jahre alt, weil sie nie aufhörte sich zu interessieren. Und weil sie die Beobachtungen, die sie an sich oder in ihrer Umgebung machte, immer klug und sachlich reflektierte.

„Ich war immer auf der Suche nach mehr …” Auszug aus meinem Interview mit Ilse Pohl. @NXDRF

Ilse Pohl interessierte sich, fragte immer nach neuem Lesestoff und feierte jede neue Entdeckung für sich mit intensivem Studium. Mit wachen glänzenden Augen nahm sie Impulse auch von viel jüngeren Menschen dankbar auf. Ihre Reaktionen waren meistens beeindruckend. Weil aus dieser Frau ein Jahrhundert Lebenserfahrung sprach. Mit allen Höhen und Tiefen hatte Ilse Pohl gelebt.

Jugend in den Goldenen Zwanzigern

Wir müssen uns diese junge Ilse wohl als einen ungestümen Wirbelwind vorstellen. Sie interessierte sich für die neuesten Erscheinungen ihrer Zeit. Und das war in Berlin, mitten in den Goldenen Zwanzigern, eine ganze Menge. Ob Musik oder Literatur oder Bildende Kunst: Ilse ließ nichts aus. Wenn Sie etwas anfing, dann gab es kein Halten mehr:

Gründerin des Vereins „Gegen die Männer”. Auszug aus meinem Interview mit Ilse Pohl. @NXDRF

Schon in der Kindheit war das Tagebuchschreiben ihre Art, mit ihren Beobachtungen, den alltäglichen Schwierigkeiten, aber auch mit den angenehmen Dingen umzugehen.

Was sie zum Schreiben bewegte. Auszug aus meinem Interview mit Ilse Pohl. @NXDRF

Schicksalsorte

Sie verehrte Annette von Droste-Hülshoff. Diese Verehrung ging soweit, dass Ilse Pohl noch weit in ihren Neunzigern zwei Spätsommer hintereinander nach Meersburg fuhr. Der Bodensee war ihrem eigenen Schicksal so wichtig gewesen. Und der Bodensee war auch der „Droste” ein Schicksalsort. Ilse Pohl sog förmlich diesen Ort in sich auf. Den Ort, der Schauplatz ihrer möglicherweise bewegendsten semifiktionalen Erzählung „Der unaufgelöste Akkord” war, und an dem sich ihr Lebensweg entscheidend änderte, weil sie hier ihren Ehemann kennen lernte. Ilse Pohl wäre nicht Ilse Pohl, wenn sie nicht einen besonderen Blick auf eine besondere Zeitspanne ihres Lebens werfen würde:

Sich im Alter einen Traum zu erfüllen: Ilse Pohl änderte mit 86 Jahren ihr Leben und wurde Schriftstellerin.
Ilse Pohl am Schreibtisch ihres kleinen Arbeitszimmers in Dreieich-Götzenhain. ©NXDRF
Denken in erstaunlichen zeitlichen Dimensionen: „Die letzten 30 Jahre …” Auszug aus meinem Interview mit Ilse Pohl ©NXDRF

So entstanden zahlreiche Bücher der unterschiedlichsten Genres. Für mich am bewegendsten blieben jedoch ihre Memoiren. Die drei broschürten Büchlein, von denen jedes jeweils 30 Jahre ihres Lebens als Autobiographie enthielt, die sie auf eigene Kosten drucken ließ. Unsere erste Begegnung war ihre Lesung aus dem dritten und letzten Band. Ein trauriges Buch, das vom Sterben und vom Tod ihres Ehemanns geprägt ist. Aber auch von der inneren Sammlung der Ilse Pohl und ihrem Neuanfang: nicht länger Hausfrau, sondern Schriftstellerin wollte sie sein. Und Schriftstellerin war sie schließlich geworden. Ihre Motive dazu reklamiert sie geradezu kämpferisch:

Die Aufgabe im Leben finden und das Alter nicht als Hinderungsgrund anerkennen. Auszug aus meinem Interview mit Ilse Pohl. ©NXDRF

Rückschau aufs Leben

Die Erfahrungen ihres Lebens sind auf den ersten Blick sehr gegensätzlich. Die von der Schwester gemobbte, vom Bruder gedrillte. Die Laborantin in der Kopieranstalt, die nebenher einen expressionistischen Bildhauerkurs belegte. Die von der Liebe enttäuschte, die soweit wie möglich von ihrer Heimat flieht. Dann jahrzehntelang die Hausfrau in überaus soliden bürgerlichen Verhältnissen, die sich im Sterben ihres Ehemanns zunächst einer kaum zu bewältigenden Hilflosigkeit gegenüber sieht und daraus schließlich noch einmal einen großen Sprung wagt.

„Frauen sind praktischer”. Auszug aus meinem Interview mit Ilse Pohl. ©NXDRF

Memoiren:
damals und heute

Es ist heute noch eine schmerzliche Leerstelle, dass es zu dem geplanten Film mit und über Ilse Pohl nicht kommen sollte: Damals waren der personelle, der technische und vor allem der finanzielle Aufwand für das geplante Projekt „Abschied von einem Jahrhundert” nicht zu stemmen. Mal ganz abgesehen, dass sich Fernsehredaktionen für alte Leute nur als Publikum und nicht als Protagonisten interessieren.

Heute stehen die Chancen für einen biographischen Film in der Rückschau auf die Lebenserinnerungen viel besser. Vor allem die Technik hat sich so entwickelt, dass der Kostenaufwand um ein Vielfaches geringer ist als damals, um sich im Alter einen Traum zu erfüllen. Weitaus kostengünstiger als einen Ghostwriter zu beauftragen und sogar in vielen Fällen preiswerter als die Kosten für ein gedrucktes Buch (von dem auch keiner sagen kann, ob es von den Adressaten wirklich gelesen wird. Denn wer hat heute dafür noch Zeit?)

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